Donnerstag, 25. April 2013

Der bedauernswerte Einzelfall


Kaum hat die Kanzlerin sich über ihren Pressesprecher enttäuscht über Uli Hoeneß gezeigt, lässt sich jetzt auch der Finanzminister vernehmen. In einer Aktuellen Stunde im Bundestag meinte er, es handele sich um einen "bedauernswerten Einzelfall".

Da ist er wieder, der Einzelfall. Beliebt überall dort und dann, wenn es zu verschleiern gilt, dass da, wo er herkommt, noch mehr von der gleichen Art sein könnten. Erwähnt in der unausgesprochenen Hoffnung, der Rezipient werde nicht zu allzu lange über den Sinn der Aussage nachdenken, sondern mit dem Wort "Einzelfall" assozieren, dass es keine weiteren vergleichbaren Fälle gäbe.

Genutzt wird das Wort daher in der Regel genau von dem, der weiß, dass es sehr wohl zahlreiche vergleichbare Fälle gibt. Der aber nach Möglichkeit jeglichen strukturellen Zusammenhang zwischen den "Einzelfällen" verleugnen möchte, um nicht handeln zu müssen.

Mit der Logik des Finanzministers gäbe es auch keine Wälder mehr. Nur noch Bäume. Alles Einzelfälle halt. Jeder für sich. Mit dieser Taktik hat dereinst schon die selige Margaret Thatcher (Bild) reüssiert, als sie die Existenz der gesamten Gesellschaft als solcher leugnete und alle sozialen Wesen kurzer Hand zu Einzelfällen herabstufte.

Es lohnt sich durchaus, manchmal auch über den Sinn dessen, was man sagt, etwas länger nachzudenken.


Kommentare:

  1. sehr treffend, danke.

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  2. Sehr schöner Beitrag.

    "Ich kenne keinen Wald mehr, sondern nur noch Bäume!"

    (frei nach Willi II.)

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  3. Wie würde Herr Nebgen wohl schreiben, wenn er von Hoeneß mandatiert würde?

    Wie verteidigt er all seine anderen (steuerhinterziehenden) Mandanten?

    Mit Nebgen als Verteidiger braucht der Staatsanwalt nicht mehr viel zu tun.

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    1. Was er schreiben würde? Vermutlich gar nichts, da Herr H. anscheinend nicht wünscht, dass sein Fall öffentlich erörtert wird und ein seriöser Anwalt das respektiert, selbst wenn keine Schweigepflicht bestünde.

      Ein Gesetz zu beachten, wenn es einen betrifft (sei es auch indirekt, als Anwalt eines seinerseits Betroffenen) ist etwas anderes, als es gut zu finden. Zur Heuchele wird es erst, wenn man ein und dasselbe Gesetz auf andere angewendet sehen will, aber nicht bei sich selbst. Diese Erkenntnis ist leider wenig verbreitet, so gab es etwa Vorwürfe gegen die Gewerkschaften, als diese einen Ausbildungsplatzabgabe bei Nichterfüllung der Quote forderten, weil einige Gewerkschaften selbst die Quote nicht erfüllten. Jedoch hatten die Gewerkschaften nie gefordert selbst von der Quote ausgenommen zu werden.

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  4. Schäuble ist Mitglied der christlich...Union; also Christ.
    "In den Monotheistischen Religionen wie z.B. dem Judentum, dem Christentum und dem Islam sieht sich das Individuum in der Verantwortung seines Schöpfers gegenüber." (Wikipedia)
    Das Individuum Hoeneß macht die Sache mit seinem Schöpfer aus. Als Einzelfall.
    Und zwar als "beklagenswerter Einzelfall" (Schäuble)
    Zypern war ein "spezieller Einzelfall" (Schäuble)
    Was der Schöpfer dazu sagt? Keine Ahnung.
    Obwohl die Sünder zahlreich sind.

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  5. Höchste Zeit für eine Aktualisierung des alten Scherzes. Was bisher geschah:

    Ein Wirtschaftsweiser, ein Jurist und ein Philosoph fahren mit dem Zug und genießen die Landschaft. Ein schwarzes Schaf kommt in's Blickfeld. "Ah", sagt der Wirtschaftsweise "hier sind die Schafe schwarz." "Nein", entgegnet der Jurist, "wir wissen nur, dass es hier schwarze Schafe gibt." "Sie täuschen sich beide", antwortet der Philosoph, "genau genommen wissen wir nur, dass es hier zumindest ein Schaf gibt, dass auf mindestens einer Seite schwarz ist."

    Wie zwischenzeitlich aus gut unterrichteten Schweizer Kreisen bekannt wurde, befand sich auch Wolfgang Schäuble mit im Zug, und merkte an "Es handelt sich um kein Schaf sondern einen Einzelfall." Er führte aus, das Weiteres auf einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn geklärt werden könnte.

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  6. Im Zweifelsfall sind es immer "Einzelfälle" oder "bedauerliche Missgeschicke": http://kritikresistenz.blogsport.de/2012/05/06/vielmehr-handelt-es-sich-bei-dem-geschilderten-versehen-um-eine-einmalige-angelegenheit-die/

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